Als Willy Brandt 1969 zum Bundeskanzler gewählt wird,
hat die Partei aus der er kommt, von den hundert Jahren ihrer Geschichte
siebenundneunzig in der Opposition verbracht. Die Wandlung der SPD zur
"Volkspartei" ist durch seine Person und Politik glaubwürdig geworden - mit ihm
wird es der Partei zum ersten Mal gelingen, einen grossen Teil der
Arbeiterschaft und der "Mitte" zu gewinnen. Willy Brandt wurde 1913 in Lübeck als uneheliches Kind
der Konsumverkäuferin Martha Frahm, die 19 Jahre jung ist, geboren. Im gleichen
Jahr stirbt August Bebel. "Wenn man mich heute fragt, wie ich Sozialist wurde,
müsste ich antworten: Durch meine Mutter. Sie war zwar damals noch sehr jung ...
aber mit 18 war sie schon in der Gewerkschaftsjugend, der Kulturgruppe, der
Genossenschaft. So wurde ich nicht nur in die sozialistische und
Gewerkschaftsbewegung hineingeboren - ich wuchs mit ihnen auf." Die Mutter hat wenig Zeit für ihn - noch gibt es die Sechs-Tage-Woche -, entscheidender wird der Einfluss seines Großvaters Ludwig Frahm, eines LKW-Fahrers und aktiven SPD-Mitglieds, der nach dem Ersten Weltkrieg das Enkelkind bei sich aufnimmt. Der Enkel, der Jahre später durch einen Halbbruder von seinem leiblichen Vater, dem Hamburger Buchhalter John Möller, erfährt, wird keine Anstalten zu einer Begegnung treffen. Mit 14 Jahren erhält er eine Freistelle am Johanneum, dem Realgymnasium der Stadt, das er als eine, "wenn nicht feindliche, so doch mir fremde
Welt" empfindet: "Meine Schulkameraden waren
Experten in Autos, Fußball, Segelflug – ich war der ‚Politiker’." Der scheue Schüler Frahm, "lange
Jahre gewohnt, mit mir allein auszukommen", kann seine Gefühle und Gedanken
nicht ohne weiteres anderen mitteilen. Lieblingsfächer des ‚Politikers’ sind
Deutsch und Geschichte, aber sein eigentliches Leben verbringt er immer mehr
außerhalb der Schule, zunächst in der "Rote-Falken-Gruppe", dann in der
Sozialistischen Arbeiterjugend (SAJ) und der SPD. Er kann besser reden und
schreiben als andere und verfasst schon mit 15 erste Artikel für den
sozialdemokratischen "Lübecker Volksboten". Sein Berufsziel ist, Journalist zu
werden. Herbert Frahm findet im Sozialismus vor allem eine idealistische
Gemeinschaft Gleichgesinnter und die sozialistische Jugendbewegung als
Familienersatz und Heimat. Er findet zwei geistige Väter und Mentoren – in der
Sozialdemokratie Lübecks den "rechten" Patrioten, und späteren
Reichstagsabgeordneten Dr. Julius Leber, seit 1921 Chefredakteur des "Lübecker
Volksboten" und in der Emigration Jakob Walcher, den Mitstreiter Rosa Luxemburgs
und Chef der Sozialistischen Arbeiterpartei (SAP). Die SPD wird durch schwere innerparteiliche Kämpfe erschüttert – und der linke Flügel gewinnt durch die beginnende Weltwirtschaftskrise an Boden. Die Tolerierungspolitik der sozialdemokratischen Reichstagsfraktion und der Parteiführung gegenüber dem rechtskonservativen Brüning-Kabinett wird von vielen, besonders jungen Sozialdemokraten, als Entfernung vom eigentlichen Ziel des Sozialismus kritisiert. 1931 löst die Organisation die Jungsozialisten auf, der Konflikt verschärft sich und Lübeck ist keine Ausnahme. Frahm und andere SAJ-ler sind nun bereit, sich den linksoppositionellen Sozialdemokraten anzuschließen, die 1931 die Sozialistische Arbeiterpartei (SAP), eine "revolutionäre Klassenpartei" vornehmlich aus Intellektuellen und Jugendlichen gegründet haben. Leber kann den jungen Frahm nicht in der SPD halten ("Sie gehören nicht zu diesen
Sektierern") und er verlässt die SPD. Die SAP, der sich nur 2.5% der SPD Mitglieder
anschließen, wird eine Splittergruppe bleiben. Als sie im Juli 1932 bei den
Reichstagswahlen kandidiert, erhält sie in Lübeck 200 Stimmen, gegenüber fast
36.000 Stimmen für die NSDAP. Die Mitglieder der SAP hatte der Schriftsteller
Paul Fröhlich schon früh mit konspirativen Techniken des politischen
Widerstandes vertraut gemacht. Nach dem 30. Januar verfasst Herbert Frahm, nach
dem Abitur inzwischen Volontär bei einer Lübecker Schiffsmakler Firma, zusammen
mit Emil Peters illegale Flugblätter, die sie heimlich in Briefkästen einwerfen.
1933 werden bereits die ersten Lübecker SAPler festgenommen worden. Peters, der
als Referendar am Gericht tätig ist, bekommt die Vernehmungsprotokolle zu
Gesicht und nimmt an, dass sich der Verdacht gegen Frahm zuspitzt. In der Nacht
zum 1. April bringt ein Fischer Herbert Frahm über die Ostsee nach Dänemark.
Wenige Tage später kommt der Flüchtling mit 100 Reichsmark und dem 1. Band des
"Kapitals" in Oslo an. Er beginnt sein neues Leben mit einem neuen Namen und
nennt sich Willy Brandt. Brandt, der auf Spaziergängen schon Reden für seine Rückkehr nach Lübeck memoriert, hätte sich nie träumen lassen, dass er mehr als ein Jahrzehnt in der Welt der deutschen Emigranten und der skandinavischen Sozialdemokratie verbringen wird. Er lebt ab 1933 mit und zwischen der Norwegischen Arbeiterpartei (NAP) und der SAP. Bestimmend für seine Politik nach 1945 bleiben die norwegischen Erfahrungen. Der "Norweger" Brandt ist schon sozialdemokratischer Reformer, während der deutsche noch revolutionärer Sozialist ist. "Diskutieren" - oft weltfern, verbissen und theoriebesessen, wird dabei zur Form der politischen Existenz. Spaltungen und Zirkelbildungen sind an der Tagesordnung. Auch in der SAP-Gruppe in Oslo, die nur zwölf Mitglieder zählt, stehen sich eine "Brandt-" und eine "Anti-Brandt"-Fraktion gegenüber, die zeitweise nicht mehr miteinander sprechen, sondern sich mit Denkschriften und Manifesten bekriegen. Norwegen bietet Willy Brandt praktische Lehrstunden: die NAP, die 1934 zur stärksten Partei geworden war, muss ihr auf klassenkämpferisches, streng marxistisches Programm revidieren und lernen, eine mehrheitssichernde, pragmatische Politik zu betreiben. "Ich lernte kennen, wie eine moderne Sozialpolitik
gestaltet wurde und eine ganze Menge anderer Dinge..." Die SAP ist auf die finanzielle Unterstützung der NAP
angewiesen. Brandt, der schnell fließend Norwegisch spricht, sich leicht
zurechtfindet, Erfolg hat und Artikel unterbringen kann, wird "Leiter" des
Einmann-SAP-Büros in Oslo. Neben der Auslandsarbeit für den Sozialistischen
Jugendverband (SJV) hat er die Aufgabe, die Verbindung zum innerdeutschen
Widerstand zu halten. Willy Brandt reist in diesen Jahren durch fast ganz Europa
und kommt mit zahlreichen Politikern in Kontakt, die später eine Rolle spielen
sollen. Der Versuch, zusammen mit anderen Jugendfunktionären mit mehr Impetus
und unabhängig von Moskau eine neue revolutionäre Jugendinternationale zu
gründen, scheitert. Die Gründungskonferenz 1934 in Holland wird von der Polizei aufgelöst. 1936 verbringt Willy Brandt
als norwegischer Student getarnt in einer Berliner Pension. Von dort reist er
vier Wochen nach seiner Rückkehr nach Spanien. Fünf Monate lang berichtet er
seinen politischen Freunden regelmäßig über die Lage im Bürgerkrieg, stellt
Überlegungen über eine wirksame Hilfe für die Bevölkerung an - nimmt aber an
keinen Kampfhandlungen teil; durch Zufall kommt er einmal als Beobachter in
Gefechtsnähe und erlebt mit wie George Orwell, der Autor von "1984", verwundet
wird. In Spanien erlebt Willy Brandt zum ersten Mal das menschenverachtende, zynische Machtkalkül des stalinschen Kommunismus hautnah mit. Tausende von NKWD-Agenten aus Moskau kämpfen nicht gegen Franco und dessen von Hitler und Mussolini gestellten Hilfstruppen, sondern sie terrorisieren sog. Abweichler, Anarchisten, Sozialisten die sich nicht dem Moskauer Führungsanspruch beugen wollen und "Trotzkisten". Zu den von NKWD-Agenten Verhafteten gehören auch Mitglieder der POUM (Partido obrero des Unificación Marxista/Vereinigte Marxistische Arbeiterpartei), einer in Katalonien starken Freundespartei der SAP. Willy Brandt ist der Meinung, dass die POUM "in fast jeder praktischen Frage eine falsche Haltung
eingenommen hat", hält es andererseits aber für seine Pflicht, sich für die POUM-Führer einzusetzen, die "von den Kommunisten
verfolgt, vor Gericht gezerrt oder sogar ermordet wurden ". Willy Brandts Name erscheint 1936 unter dem ersten Aufruf des deutschen Volksfrontausschusses; trotz "vieler Verwirrungen", wird die neue Linie der kommunistischen Kursschwenkung auf dem VII. Kominternkongress "grundsätzlich bejaht" und eine Ja-Aber-Position,
gegenüber der Sowjetunion bezogen. Als allerdings immer neue Schreckensmeldungen über die stalinistischen Säuberungen eintreffen, denen alleine im Jahr 1938 Millionen zum Opfer fallen, und klar wird, dass es sich hier nicht mehr länger nur um "Nazi-Lügen" handeln kann, protestieren die deutschen Linkssozialisten dagegen, dass die "Idee des Sozialismus vor der ganzen Welt geschändet wird". Dies bringt der SAP auch in Verbindung ihrer Haltung zur POUM den Vorwurf ein, "trotzkistisch" durchsetzt und "konterrevolutionär" zu sein. Bis 1937 hält Willy Brandt die Volksfront weiterhin für nötig, gesteht sich aber ein, dass man die "Regenerationsmöglichkeiten des inneren Regimes der
Komintern und ihrer Sektionen zu blauäugig" innerhalb der SPA beurteilt
hatte. Konsequenzen seien aus der Tatsache zu ziehen, dass es der SAP seit ihrer Gründung weder gelungen ist, die Mehrheit der deutschen Sozialdemokraten, geschweige denn die der Arbeiter, zu gewinnen. Willy Brandt glaubt nun 1937 nur durch eine Verschmelzung mit den aktiven sozialdemokratischen Kräften politisch an Gewicht zu gewinnen und eine revolutionäre Partei zu schaffen. Dazu muss auch der internationale Standort der SAP neu bestimmt werden. Das heisst, weg von der Komintern, hin zur westeuropäischen Linken. Allem Taktieren und allen Überlegungen setzt der Hitler-Stalin-Pakt 1939 ein Ende. Die Sowjetunion ist nun ein "reaktionärer Faktor", der von der Arbeiterbewegung
bekämpft werden muss. 1939 lernt Brandt, der wieder in Norwegen lebt, seine
erste Frau, die Norwegerin Carlota Thorskildsen, kennen; 1940 wird ihre
gemeinsame Tochter Ninja geboren. Die deutsche Invasion Norwegens stellt Brandt
vor eine schwierige Lage, aus der ihn ein alter Bekannter aus Spanien, Paul
Gauguin, der Enkel des bekannten Malers, dadurch rettet, dass er ihm eine
norwegische Uniform gibt. Brandt gerät als norwegischer Soldat getarnt in
deutsche Kriegsgefangenschaft, wird entlassen und flüchtet nach Stockholm. Dort
trifft im gleichen Jahr ein Emigrant aus Moskau ein, Herbert Wehner, dem er
allerdings erst 1946 in Berlin begegnen wird. Brandt lebt, ähnlich, wie viele
der 30 SAP-Mitglieder, bis zum Kriegsende in Schweden, als Schriftsteller und
Journalist. 1944 zieht die Hälfte der SAP-Mitglieder in Schweden, unter ihnen Willy Brandt, die Konsequenz aus ihrem Splitterdasein und beschliesst, wieder in die SPD zurückzukehren. 1945-46 berichtet Brandt als Korrespondent für skandinavische Zeitungen aus Deutschland, 1947 kommt er als Presseattaché der norwegischen Militärmission nach Berlin, das seine dritte Heimat wird. Willy Brandt wird wieder deutscher Staatsbürger und kehrt in die deutsche Politik zurück. Sein Aufstieg geht nicht ohne wiederholte Rückschläge und Enttäuschungen ab. Der Vorsitzende der SPD, Kurt Schumacher, zögert, ihn in einem Parteiamt zu bestätigen; "Emigranten-Tratsch"
weckt Vorbehalte gegen den jungen Brandt. Nach der Scheidung seiner Frau Carlota
heiratet er die Norwegerin Rut Hansen, mit der er zwei Söhne hat. 1948, im Jahr,
in dem der kalte Krieg beginnt, hat Berlin zwei Bürgermeister: Friedrich Ebert
in Ost-Berlin, den die SED stellt und Ernst Reuter (SPD) in West-Berlin. Berlin
ist geteilt, die Teilung Deutschlands steht bevor. Brandt wird Gefolgsmann Reuters. Der volkstümliche, an
das Gute appellierende Genießer Reuter steht dem kämpferisch-unbeugsamen,
aggressiven Schumacher gegenüber. Während Reuter die Westintegration Adenauers
unterstützt, die Remilitarisierung und den Europarat bejaht, kann sich
Schumacher eine deutsche Demokratie nur als "sozialistisch" vorstellen. Der
Gegensatz zwischen Reuter und Schumacher wirkt lange nach. Willy Brandt gelingt
es erst beim dritten Anlauf, Landesvorsitzender der SPD und Mitglied des
Parteivorstandes zu werden und die Kontrolle der 20 Berliner Kreisorganisationen
zu übernehmen. Am 30.08.1957 stirbt Otto Suhr, seit 1953 Nachfolger Otto Reuters im Amt des Bürgermeisters. Willy Brandt setzt für die Wahl des Regierenden Bürgermeisters ein Wahlkampfkonzept neuen Stils durch, das versucht, nach amerikanischem Vorbild Politik und Unterhaltung zu mischen. Der Erfolg gibt ihm Recht: die Berliner SPD kann – anders als die im Jahr zuvor gebeutelte Bundes-SPD – ihr Ergebnis von 44% auf 52.8% der Stimmen steigern. Brandts Rolle auf der weltpolitischen Bühne wächst durch die aufkommende "Berlinfrage". 1958 erklärt Ulbricht mit der Rückendeckung Moskaus, dass ganz Berlin auf dem Territorium der DDR liege, die Westmächte hätten die Rechtsgrundlage ihres Aufenthalts in Berlin untergraben. Kurz darauf, am 27.11.1955, fordert die Sowjetunion die drei Westmächte zur Umwandlung West-Berlins in eine entmilitarisierte Freie Stadt auf und setzt dafür eine Frist von sechs Monaten. Willy Brandt empfiehlt, unverzüglich offensiv zu reagieren und fordert, keine Verhandlungen außerhalb des "Berlin-Problems" zuzulassen. ("Es gibt keine isolierte Lösung der Berliner Frage").
Als das sowjetische Ultimatum vom Mai 1959 abgelaufen ist, hatten die
Sowjetunion und Ulbricht nichts von ihren Forderungen erreicht, Willy Brandt
aber ist international bekannt und bundesweit populär geworden. Er wird nun auch
in den SPD-Parteivorstand gewählt, der ihn 1960 als Kanzlerkandidat nominiert.
Im Juni 1960 erklärt Chruschtschow Kennedy in Wien, er sei jetzt entschlossen, bis Ende 1961 einen separaten Friedensvertrag mit der DDR zu schließen. Die gesamte Kontrolle der Verbindungswege nach Berlin werde dann der DDR zufallen – eine Drohung, die weder Brandt noch sein enger Mitarbeiter Egon Bahr ernst nehmen -, aber eine Krise scheint unvermeidlich. Allein im Juli melden sich 30.000 Flüchtlinge aus der DDR in Notaufnahmelagern in Berlin. Willy Brandt schlägt die Einberufung einer großen Friedenskonferenz vor. Washington will bei drei Punkten unnachgiebig sein: ungehinderter Zugang vom Westen, Anwesenheit alliierter Truppen in Berlin, freie politische Selbstbestimmung der Berliner. Am 12. August geschieht dann das "Ungeheuerliche, und doch nicht völlig überraschende": die Mauer wird gebaut und "Berlin war wieder Frontstadt geworden." In angespannter Stimmung versammeln sich 250.000 Berliner vor dem Schöneberger-Rathaus und Willy Brandt greift die pathetische Rhetorik Reuters auf: "Volk von Berlin! - Wir rufen die Völker der Welt!
- Das Ergebnis eines schreienden Unrechts kann nicht ein papierner Protest sein
". Immerhin bleibt auch nach der Abriegelung des Sowjetsektors der Zugang
vom Westen nach Berlin offen und die Berliner können über ihre innere Ordnung
frei bestimmen. Nach einer Denkpause ist sich Brandt darüber im Klaren, dass die Mauer nicht beseitigt werden kann, sondern "in
einem größeren Zusammenhang überflüssig gemacht werden muss". Das setzt
natürlich eine sowjetische Beteiligung voraus. 1963 als Chruschtschow Interesse
an einer Begegnung mit Willy Brandt äußert, macht Willy Brandt aber ähnlich wie
bei einem ersten sowjetischen Gesprächsangebot 1959 einen Rückzieher. Statt
dessen kommt es 1963 zur Begegnung mit John F. Kennedy, als der amerikanische
Präsident zum Abschluss eines Deutschlandbesuches nach Berlin reist. Die Bilder,
wie der jugendlich unbekümmert wirkende Kennedy - er ist vier Jahre jünger als
Willy Brandt - vor dem Schöneberger Rathaus die Solidarität der freien Welt mit
dem freien Berlin zum Ausdruck bringt - "Ich bin ein Berliner..." -, haben
Geschichte gemacht. Am 17.12. 1963 wird das Passierschein-Abkommen
unterzeichnet – damit können erstmals nach dem Mauerbau wieder Westberliner zu
Weihnachten nach Ost-Berlin fahren. Kennedy ist zu diesem Zeitpunkt bereits tot,
aber nicht zuletzt seine Ermutigung ist die Basis für die "Politik der kleinen
Schritte" der späteren Ostpolitik Brandts. Am 25. November 1960 bestätigt der
SPD-Parteitag die Nominierung Willy Brandts als Kanzlerkandidat. Die
Entscheidung für Brandt ist auch ein Signal für einen Generationswechsel.
Abgesehen vom Zuwachs an Popularität und Publizität hat Brandt den Vorteil, vom
Stigma eines ewigen Oppositionspolitikers befreit zu sein. Die "Revolution von
oben" manifestiert sich im 1959 von einem Parteitag verabschiedeten
"Godesberger-Programm", das die Wandlung von einer marxistischen Arbeiterpartei
zu einer Volkspartei einleitete. Außenpolitisch wurde die Wende von der
SPD-Fraktion und Wehner vorbereitet, der am 30. Juni 1960 vor dem Bundestag
hervorhebt, dass es eigentlich in der Außenpolitik keine Gegensätze zu geben
brauche. Nachträglich werden auch die Westintegration und das NATO-Bündnis abgesegnet. Innen- und außenpolitisch ist die Partei nun auf Brandt zugegangen, nicht umgekehrt. Zum neuen Stil Brandts gehört auch die Übernahme amerikanischer Wahlkampfmethoden, neue Formen der Parteiwerbung, die Einrichtung einer Planungsgruppe beim Vorstand, die mit Meinungsforschern und Schriftstellern zusammenarbeitet und das "canvassing" – händeschüttelnd zieht der "deutsche Kennedy" übers Land und lässt sich feiern, als Kandidat aller Jungen und Modernen. Erstrebt wird die "Gemeinsamkeit" mit allen Bevölkerungsschichten und allen Parteien. Während Brandt 1961 und 1965 in den Wahlkämpfen das "Gemeinschaftliche" rhetorisch
überstrapaziert und versöhnende Aufrufe verkündet, sieht er sich wegen seiner
Vergangenheit - hauptsächlich durch Mitglieder der CDU/CSU - moralisch und
politisch verleumdet. Dennoch setzt die SPD ihr Werben um die CDU fort und übt
sich in Selbstverleugnung. 1964 nominiert sie zu den Bundespräsidentenwahlen
erstmals keinen eigenen Kandidaten, ja Brandt geht so weit, den SPD-Wahlmännern
nicht nur vorzuschlagen, den bisherigen Präsidenten Lübke mitzuwählen, sondern
ihn auch zu nominieren. Im Wahlkampf 1965 heisst die Alternative nicht mehr
Adenauer-Brandt, sondern Erhard-Brandt. Die Mehrheit der SPD-Anhänger ist im Mai
1963 für den "Volkskanzler" Erhard; die große Popularität des neuen Kanzlers
wirkt gegen Brandt. Hinter Brandt steht die Partei, die nun auch positiv,
optimistisch, effektiv und dynamisch, mit einem Wort "modern" sein will. Zwei
Tage vor der Wahl am 17.9.1965 spricht Brandt noch von einem Kopf-an-Kopf
Rennen. Obwohl die SPD mit 39.3% das beste Ergebnis ihrer Geschichte erreicht,
steigert sich die CDU auf 47.6%. Brandt erklärt daraufhin, dass er zwar den
Parteivorsitz behalten, aber die Opposition nicht im Bundestag führen will. Für
1969 sei er auch kein Anwärter für das Amt des Bundeskanzlers. SPD-Parteiführer
in Bonn, vor allem Wehner, kritisieren diesen Entschluss – entweder Bonn oder
Rückzug. 1965 und 1966 denken nicht wenige, dass mit dem "Absteiger" Brandt
nicht mehr zu rechnen sein wird. 1965 nennt Brandt später das Jahr einer "heilsamen Zäsur" - Anfälle von Melancholie, Betäubung
im Alkohol, das Gefühl, eigentlich alles hinter sich zu haben, das Erlebnis der
Brüchigkeit des Daseins - das alles braut sich zu einer persönlichen Krise
zusammen. In Bonn beginnt eine Krise anderer Art, als die Regierung Erhard
unerwartet mit dem Rücktritt von vier FPD-Ministern am 27. Oktober 1966
konfrontiert wird. Der Weg an die Macht führt nur über das Bündnis mit der
CDU/CSU. Am 6.12.1966 übernimmt Brandt die Geschäfte von Gerhard Schröder und
wird Außenminister und Vizekanzler. Ein Emigrant als Vizekanzler und Kurt Georg
Kiesinger, ein ehemaliges NSDAP-Mitglied als Kanzler, stehen nun an der Spitze
der nie populären großen Koalition. Willy Brandt kommt als Außenminister jetzt nicht nur
sein jahrelanges Denken in internationalen Zusammenhängen zugute, sondern auch
seine Vergangenheit als Emigrant und Hitlerflüchtling, die ihm zu Hause so oft
geschadet hat. Er gilt längst als überzeugter Europäer. Seine erste Aktion, der
Versuch nämlich, England in die Gemeinschaft der Sechs aufzunehmen, scheitert am
Veto des französischen Staatspräsidenten de Gaulle. Unabdingbare Voraussetzungen
für Brandts Entspannungspolitik in Richtung Osten sind von Anfang an das
westliche Bündnis und die politische Solidarität der Gemeinschaft. Weder er noch
die anderen sozialdemokratischen Minister haben zu Beginn ein Patentrezept für
die Ost- und Deutschlandpolitik zur Hand. Nationale und gesamteuropäische
Interessen werden als identisch angesehen. Am Ende soll eine neue europäische
Friedensordnung stehen. Auch bietet die Kiesinger-Brandt-Regierung den
osteuropäischen Staaten den Austausch von Gewaltverzichtserklärungen an,
erklärte sich aber nicht bereit, die Oder-Neisse Linie anzuerkennnen. In bezug
auf die DDR wurde eine Anerkennung abgelehnt. Auch nach dem Einmarsch der Sowjettruppen in die CSSR am 21. August 1968, der einen Rückschlag für die Bonner Politik bedeutet, hält Brandt daran fest, "dass es für die Politik des
friedlichen Ausgleichs in Europa keine Alternative gibt". Der
Koalitionspartner zieht andere Schlüsse aus der Besetzung. Im Frühjahr 1969
kommt es wegen der Anerkennung Kambodschas durch die DDR zu einer erneuten
schweren Verstimmung - mühsam wird ein Kompromiss gefunden, aber Brandt schwört
- und sei es nur mit einer Stimme Mehrheit -, ab Herbst mit den Liberalen zu
regieren. Viele Vorurteile gegenüber den "Sozis" werden durch die große Koalition abgebaut, Brandts Außenpolitik bannt die Gefahr der Isolierung und verschafft Bonn wieder Anschluss an internationale Partner. Am 28. September 1969, am Wahlabend zum VI. Bundestag ist es soweit, eine Koalition zwischen SPD und FDP wird rechnerisch möglich. Mit 251 Stimmen wird Willy Brandt am 21.10.1969 zum Kanzler gewählt - zum ersten Mal nach knapp vierzig Jahren gibt es wieder einen sozialdemokratischen Kanzler. "Wir
wollen mehr Demokratie wagen" wird in der Regierungserklärung versprochen, "Mitbestimmung" und "Mitverantwortung" werden betont, ein umfangreiches
Reformprogramm wird angekündigt. Die Aufbruchstimmung in der Koalition wächst
und beflügelt auch viele Bundesbürger. Für die Sozialdemokraten soll der
Rechtsstaat nicht nur zur sozialen Demokratie entwickelt, sondern ein "sozialer
Modellstaat" für die Europäische Gemeinschaft werden. Bald kommt der
Reformimpetus ins Stocken - aus finanziellen Gründen müssen Reformvorhaben
gestutzt und verschoben werden - große Reformvorhaben, wie Steuergesetzgebung,
und Bodenrechtsreform bleiben stecken und werden durch kleine "Verbesserungen"
ersetzt. In der Regierungserklärung vom 18.1. 1970 sind erstmals Schwerpunkte erkennbar, aber wiederum ist das Programm zu umfangreich. Brandts sozial-liberale Koalitionsregierung wird nicht als die Regierung der großen inneren Reformen eingehen, sondern ihre historische Bedeutung durch die Ostpolitik gewinnen. Ausgangspunkt dafür ist der am 12. August 1970 unterzeichnete Moskauer Vertrag. Die Brandt-Scheel Regierung akzeptiert den status quo in Vertragsform und beseitigt damit ein Haupthindernis für die Entspannung. Dazu gehört auch der Verzicht auf die deutschen Ostgebiete. "Niemand kann sich der Trauer entziehen, uns schmerzt das
Verlorene", sagt Brandt am 7.1.21970 dazu anläßlich der Unterzeichnung des Warschauer Vertrages und "indem wir dies tun, treiben
wir keine ‘Politik des Verzichts, sondern ... der Vernunft". Sinnfälligen
Ausdruck findet das moralische Engagement für Aussöhnung und Entspannung als
Brandt sich vor dem Mahnmal im einstigen Getto Warschaus niederkniet. Dem Sog
des Entspannungskurses der sozial -liberalen Koalition kann sich auch die DDR
nicht widersetzen. Am 11. März 1970 trifft Brandt mit dem Regierungschef der DDR, Willi Stoph, in Erfurt zusammen. Es wird spürbar, dass die Motive und Ziele der brandtschen Politik auch von vielen in der DDR bejaht werden. In der Folge kommt es zu vielen Erleichterungen, aber die Nagelprobe auf die Entspannungspolitik muss in Berlin bestanden werden. Am 3.9.1971 wird das Berliner Abkommen unterzeichnet - noch bleibt, Anfang der 70er, die CDU/CSU allerdings bei der Ablehnung ihrer Ostpolitik. Am 20.10.1971 wird Brandt als viertem Deutschen der Friedensnobelpreis verliehen, den er am 10. Dezember 1971 entgegennimmt. Es bewegt ihn dabei, " dass es mir ...
vergönnt war, nach dem unauslöschlichen Schrecken der Vergangenheit den Namen
meines Landes und den Willen zum Frieden in Übereinstimmung zu sehen". Innenpolitisch übersteht der im Ausland so angesehene
Nobelpreisträger 1972 ein konstruktives Misstrauensvotum mit nur knapp zwei
Stimmen. Es kommt zu einer generellen Pattsituation - dennoch gelingt es noch,
die Ostverträge durchs Parlament zu bringen, bevor Brandt den Antrag auf
Neuwahlen stellt. In der Wahl vom 19. November erzielt die SPD das beste
Ergebnis ihrer langen Geschichte und wird stärkste Fraktion im Bundestag. Brandt
ist vielleicht zu arglos, ja gutmütig im Umgang mit unzulänglichen und
glücklosen Mitarbeitern, dazu kommt die Neigung, sich, unansprechbar, vom
Verdruss des täglichen Betriebs abzuschotten. Sein politischer Stil, der ihm
schon früh ungewöhnliche Sympathie einbringt, bringt ihm nun auch den Vorwurf
der Führungsschwäche ein. Die sich anbahnende Kanzlerkrise 1973/1974 kommt nicht
von Ungefähr. Noch ist Brandt weithin populär und von der Partei verehrt. Der
Breschnew-Besuch 1973 scheint zu bestätigen, dass durch seine Politik eine
Schlüsselrolle in der Ost-West Kooperation für Deutschland vorgezeichnet ist.
Brandt wird im gleichen Jahr als erster deutscher Kanzler vor der
Vollversammlung der Vereinten Nationen sprechen - er ist der gewichtigste
Sprecher der Europäischen Gemeinschaft. Als der Fraktionsvorsitzende Herbert Wehner, ausgerechnet von Moskau aus, abschätzige Bemerkungen über Brandt fallen lässt, der "abgeschlafft" und "entrückt" sei und: "Der Herr badet gerne lau," kehrt Brandt vorzeitig aus den USA zurück. Das Verhältnis zu Wehner lässt sich nicht mehr kitten; allenthalben, auch von Anhängern wie Günter Grass, wächst die Kritik an seiner "Führungsschwäche". Schon wird Helmut Schmidt als "Kanzler-Stellvertreter" genannt. Noch einmal gelingt es Brandt, sich nicht entmutigen zu lassen, er arbeitet an Plänen für die Kabinettsumbildung nach der Wahl des Außenministers Walter Scheel zum Bundespräsidenten, führt einen energischen Wahlkampf - da platzt die Verhaftung des Ostberliner-Spions Günter Guillaume hinein. Guillaume, Willy Brandts vertrauter Referent für Partei- und Gewerkschaftsfragen, ist durch Zufall enttarnt worden. "Dass Guillaumes Entlarvung das Ende meiner Kanzlerschaft
bedeuten würde, ich wusste es nicht und ahnte es nicht einmal." Brandt hat Guillaume 1973 mit in den Urlaub nach Norwegen genommen - trotz der allerdings nur lückenhaften Verdachtsmomente, die gegen Guillaume vorliegen. Guillaume erhält durch das zu lange gewährte Vertrauen Brandts noch in Norwegen Einblick in geheime Unterlagen. "Mich hat die Frage meiner
persönlichen Verantwortung gequält, mehr, als meine engeren Mitarbeiter für
gerechtfertigt hielten, und mehr als ich es in der Rückschau für gerechtfertigt
halte." Im Zuge des Falles "G." gerät auch das Privatleben des Kanzlers ins Zwielicht der Öffentlichkeit und wird zum Politikum. Als eine ausreichende Rückendeckung Wehners, ausbleibt, kommt es am 6. Mai zum Rücktritt. Jahre später wächst die Überzeugung, dass es vielleicht doch besser gewesen wäre, nicht alles hinzuwerfen. Wehner wird in Brandts "Notizen zum Fall
G." verdächtigt, ihn im Zusammenspiel mit Honecker aus dem Amt getrieben zu
haben. Lange nach dem nicht verwundenen Rücktritt, gelingt Brandt noch einmal der Einstieg in eine weitgespannte politische Rolle. 1976 wird er zum Präsidenten der Sozialistischen Internationale (SI) in Genf gewählt, ein Jahr später übernimmt er den Vorsitz des "Unabhängigen Komitees für internationale Entwicklungsfragen" in New York. 1983 heiratet der Siebzigjährige in dritter Ehe die Historikerin Brigitte Seebacher. Die Politik fordert ihn wieder heraus und er findet es "ganz schön, erleben zu
können, dass man in der Abendsonne mehr aufgescheucht wird, als man es sich
eigentlich vorgestellt hatte". 1987 tritt Brandt nach 20-jähriger Amtszeit als Vorsitzender der SPD zurück - in einer bewegenden Feier wird er zum Ehrenvorsitzenden der SPD gewählt. 1990, am 3.10. hat die DDR ihren Beitritt zur Bundesrepublik erklärt, eröffnet Brandt als Alterspräsident die neue Sitzung des Deutschen Reichstags in Berlin. Auf seinen Antrag spricht sich später der Bundestag für Berlin als neuen Regierungssitz aus. Der Fall der Mauer trifft auch Brandt gänzlich unvorbereitet. "Jetzt wächst
zusammen, was zusammen gehört," kommentiert er, der einen Traum in Erfüllung
gehen sieht. Als bei der nächsten Bundestagswahl die zupackende Rolle der
Regierung Kohl durch die Wähler honoriert wird, kritisiert er den glücklosen
Kanzlerkandiaten Lafontaine, dem Wähler den Eindruck vermittelt zu haben, die
SPD sähe in der Einheit und Freiheit eher eine Bürde als eine Chance. Am 8.10.1992 stirbt Willy Brandt in Unkel bei Bonn. Am
17.10. wird der Tote durch einen Staatsakt geehrt und in Berlin-Zehlendorf
beigesetzt. © BPA/Richard von Schirach