Ludwig van Beethoven
*17.12. 1770 Bonn, +28.3.1827 Wien

Ich will dem Schicksal in den Rachen greifen;
ganz niederbeugen soll es mich gewiss nicht.

Auf einem Fussbänkchen stehend, erhält der fünfjährige Ludwig van Beethoven die ersten Klavierinstruktionen durch den Vater Johann, der als Tenor in der Bonner Hofkapelle angestellt war. Auch Cembalo, Bratsche und Orgel gehören zur musikalischen Unterweisung. Schon mit sieben Jahren tritt Ludwig, von seinem Vater als Sechsjähriger angekündigt, in Köln mit "verschiedenen Clavir-Concerten und Trios" auf. Mit 13 wurde er besoldeter, regulärer 2. Hoforganist. Fast gleichzeitig wird sein Vater vom Hofdienst suspendiert. Schon oft hatten die Söhne "Johannes den Säufer" wie er spöttisch genannt wurde, aus dem Wirtshaus nach Hause bugsieren müssen.

1787 fährt Ludwig nach Wien zu Mozart, doch muss er schon nach zwei Wochen wieder zu seiner erkrankten Mutter zurückkehren, die im gleichen Jahr stirbt. Nach ihrem Tod verkommt der Vater im Alkoholismus, und Ludwig muss mit 17 Jahren als Oberhaupt der Familie die Sorge für seinen Vater und die beiden jüngeren Brüder übernehmen. Ludwig van Beethoven bewies dabei seltenen Familiensinn und eine aufopfernde Haltung. Es steht außer Frage, dass Beethovens Vater mit Mozarts Vater als Musikerzieher keinem Vergleich standhält. Vielleicht wurde aber gerade durch seinen Vater, dem er die rasche Entwicklung seines Könnens verdankt, früh ein Selbstbewusstsein ausgeprägt, das zu einem tragenden Pfeiler seiner Persönlichkeit und Identität werden sollte.

1791 lernte er Haydn bei dessen Rückreise aus London kennen, der ihn bald darauf zur Vollendung seiner Studien nach Wien einlud. 1792 kam er dort an und sollte diese Stadt nie mehr verlassen. Noch im gleichen Jahres stirbt sein Vater und die beiden Brüder Kaspar Karl und Nikolaus Johann ziehen ebenfalls nach Wien. Der nur mit einer bescheidenen Schulbildung ausgestattete Freidenker Beethoven bildet sich nicht nur musikalisch mit Ausdauer und Energie in alle Richtungen fort. Als kritischer Zeitgenosse erhält er durch die Einflüsse der Aufklärung und die französische Revolution, aber auch durch die Weimarer Klassik und die idealistische Philosophie ganz unmittelbare Anregungen.

Seine künstlerische, impulsiv-genialische Persönlichkeit äußerte sich zuerst in den Improvisationen des Klavierspielers. 1795 erschien dann Opus 1 - drei seinem Lehrer Haydn gewidmete Klaviertrios, auf die nun in dichten Abständen Werk um Werk folgte. Bereits 1804 bei der Uraufführung der "Eroica", der dritten Symphonie, die ursprünglich mit dem Namen "Bonaparte" Napoleon gewidmet war, können seiner neuartigen Musik nicht mehr alle Hörer folgen. Die Oper "Leonore" - aus der später "Fidelio" entstand - war bei ihrer Uraufführung 1805, kurz nach der Besetzung Wiens durch die Franzosen, ein Misserfolg. Erst 1814 konnte sich die Neubearbeitung unter dem Titel "Fidelio" durchsetzen. 1806 folgte die Uraufführung des Violinkonzerts; im gleichen Jahr wurden die Rasumovsky-Quartette op.59 vollendet. Die 5. und 6. Symphonie ("Pastorale") und das Klarinettenkonzert wurden 1808 uraufgeführt.

"Zusammengefasster, energischer, inniger habe ich noch keinen Künstler gesehen" beschrieb ihn Goethe nach ihrer Begegnung, wenngleich ihn Beethovens unwirsche, trotzige, "ganz ungebändigte Persönlichkeit" befremdet haben muss. Beethoven lebt über Jahre hinweg als freischaffender Komponist. Durch die Ausbreitung des Verlagswesens und den wachsenden Musikalienhandel ist diese Existenzform erst möglich geworden. 1809 beschließen drei vermögende Adlige, ihm eine jährliche Pension von 4000 Gulden auszusetzen, um ihm ein ungestörtes Schaffen zu ermöglichen. Kurz nach 1800 hatte für Beethoven ein "neuer Weg" mit revolutionären musikalischen Neuerungen begonnen - das betrifft die drei Klaviersonaten ebenso wie seine Symphonien, mit denen er schließlich in der ganzen Welt Wertmaßstäbe setzte.

Die größten öffentlichen Triumphe erntet Beethoven bei den Festkonzerten anlässlich des Wiener Kongresses 1815, wo u.a. seine 7. und 8. Symphonie uraufgeführt werden. Danach wurde es still, es folgte eine von persönlichen Leiden und Krisen begleitete Schaffenspause. 1815 hatte er die Sorge um den halbwüchsigen Neffen Karl übernommen, ja erstritten. Mit tyrannischer Fürsorge wollte Beethoven ein liebender Vater werden. Ein Selbstmordversuch Karls, der sich eine Kugel in den Kopf geschossen hatte, stürzt ihn in seelische Verzweiflung. Heiratspläne scheitern und immer wieder gibt es Hinderungsgründe für eine glückliche Liebesbeziehung. Es sind Jahre, die Beethovens Gesundheit erschüttern, dessen Taubheit seit 1802 kontinuierlich voranschreitet, bis er ab 1819 nur noch mit Hilfe von "Gesprächsbüchern" kommunizieren kann.

Den Bürgern der Stadt erschien der gedrungen wirkende Beethoven mit seinem auffallend dunklen Teint im pockennarbigen Gesicht in diesen Jahren als ein Wiener Original, das äußerlich ziemlich verwahrlost ist. In Wirtshäusern hielt er lautstarke Reden, wie ein Zeitgenosse berichtet, "allein und ziemlich anhaltend, wie auf gut Glück ins Blaue hinaus. [...] Alles auch gewürzt mit höchst originellen naiven Urtheilen oder possierlichen Einfällen." Es sind auch Jahre der Vereinsamung und Entsagung, in denen über Jahrzehnte eng verbundene Gönner sterben. Nur vereinzelt dringen Werke in die Öffentlichkeit, wie die in den Jahren zwischen 1819 und 1823 entstandenen "Diabelli-Variationen" und die 1817-1819 komponierte "Hammerklaviersonate" op. 106, "welche meine größte seyn soll". In den folgenden sieben Jahren arbeitete er vor allem an zwei monumentalen Kompositionen. 1823 schloss er die Missa Solemnis, eine "Herzensangelegenheit", und die 9. Symphonie mit Schillers Ode "An die Freude" ab. Beide in ihrer Art unvergleichlichen Werke wurden am 7. Mai 1824 mit großartigem Erfolg aufgeführt.

Den Jubel des Premierenpublikums kann der nahezu ertaubte Beethoven nicht mehr hören. Neben der 9. Symphonie, die bis heute eine ungebrochene Anziehungskraft auf Konzertbesucher in aller Welt besitzt und die zu einer Art "Welthymne" wurde, gehören seine letzten fünf Streichquartette zur großen Ernte des Beethovenschen Spätwerks. Hier findet der "neue" Weg, den Beethoven seit 1800 beschritten hat, atemberaubende Konsequenzen - künstlerischer Ausdruck und persönliche Erfahrung prallen fast unvermittelt aufeinander.

Einige seiner späten Quartette vollendet Beethoven auf dem Gut seines Bruders in Krems. Damit ist ein Endpunkt seines Schaffens markiert. Den Plan einer 10. Symphonie, einer Konzertouvertüre über B-A-C-H und andere Vorhaben kann er nicht mehr ausführen. Am 26.3.1827 stirbt Beethoven an Leberzirrhose. Bei seiner Beerdigung geben ihm 20 bis 30.000 Menschen das letzte Geleit und Franz Grillparzer hält die Grabrede.

© BPA/Richard von Schirach